Liebe (zukünftige) Tangofreunde,

wer sich zum Thema Tango umsieht, kann sehr viel vom lateinamerikanischen Hintergrund dieses Tanzes lesen, der Geschichte seiner Musik und (sub)kulturellen Entwicklung. Die Palette des Angebots reicht von Tangokursen und Workshops über extravagante Bekleidung nebst Tanzschuhen bis hin zu Live-Konzerten, Festivals und Tangoreisen. Dieser Tanz erscheint als ein exotisch parfümiertes Glückspaket, dargeboten von „authentisch argentinischen“ Lehrern, garniert mit einer Fülle spanischen Fachvokabulars sowie ehernen Regeln („Códigos"), die aus der hundertjährigen (teilweise erfundenen) Tradition hergeleitet werden.

Dennoch (oder gerade deshalb?) bleiben von den vielen faszinierten Anfängern nur wenige auf Dauer dem Tango erhalten. Über die Gründe hierfür erfährt man auf den bunten Flyern und Internetseiten der Anbieter kaum etwas. Liegt es wirklich in erster Linie an mangelnder Begabung oder zu geringem Durchhaltevermögen der Neulinge? Oder beantwortet man ihnen die falschen Fragen?

Im hier vorgestellten Buch gehe ich dagegen von einem völlig pragmatischen Ansatz aus: Meinen ganz persönlichen Erfahrungen aus dem Besuch einer Vielzahl von Milongas im deutschsprachigen Raum und nicht einer „Pilgerreise“ nach Buenos Aires – vor allem aber meiner eigenen tänzerischen Entwicklung, in der ich weniger von Kursen denn von eigenem Probieren und Üben profitierte. Mag sein, dass ich Ihnen durch den Verzicht auf „Latino-Romantik“ einige Illusionen raube – doch dies wird Sie hoffentlich langfristig an den Tango binden!

Daher beantworte ich ganz simple Fragen, die zu einer realistischen Einschät-
zung führen und ein böses Erwachen aus „Tangoträumen“ verhindern können:

  • Woran erkenne ich, ob eine Tangoveranstaltung empfehlenswert oder nur ein „teures Mineralwasser“ ist?
  • Wie finde ich einen Tangounterricht, der mir wirklich weiterhilft (und nicht nur den Tangolehrern)?
  • Was ist der Unterschied zwischen dem Heruntermarschieren von Tanzfiguren und einem Tango, der sich auch so anfühlt?
  • Wie lerne ich, nicht nur auf den Rhythmus oder Takt, sondern zur Geschichte zu tanzen, welche die Musik gerade erzählt?
  • Wieso zieren alleinige Tangofrauen oft stundenlang ein Billigstühlchen, statt aufgefordert zu werden?
  • Geht es der Mehrzahl der Milongabesucher wirklich ums Tanzen?
  • Wie ist das höchst seltsame Verhalten mancher „Tangomenschen“ zu erklären, oder, einfacher gefragt: Wer spinnt hier wie und warum?
  • Gibt es Möglichkeiten, Tangokrisen als notwendigen Entwicklungsschritt zu meistern, anstatt nach anfänglich höchster Faszination dann frustriert wieder auszusteigen?

Zu alledem erhalten Sie von mir Ratschläge, die nicht von einer „Tango-Ideologie“ geprägt sind, sondern von meinen praktischen Erfahrungen –
seit 17 Jahren als Tänzer, Tangoveranstalter und DJ – und die stets im Auge behalten, dass dieser Tanz aus den Elendsvierteln am Rio de la Plata paradox
ist, manche Widersprüche also unauflöslich bleiben werden.

Ein Hauptproblem beim Tango ist für mich die Verkrampfung: durch die Konzentration auf die „richtigen Schritte“, die Kritik des Tanzpartners oder Tangolehrers und die oft herbe Rangordnung in der „Szene“. Da nichts so auflockert wie das Lachen, liefere ich Ihnen eine Fülle von Anekdoten, Sprüchen und satirischen Kommentaren zum „ganz normalen Wahnsinn“ auf dem Parkett und außerhalb. Ob man sich nun darüber ärgert oder amüsiert, sei jedem freigestellt – solange es zu einer Blutdrucksteigerung führt und auf diese Weise das langweilige Herumgetappe auf deutschen „Traditionsmilongas“ eliminiert…

So ist mein Buch ein „Reiseführer“ durch die Welt des Tango, in dem Anfänger, aber auch „alte Hasen“ (Häsinnen sowieso) immer wieder das nachschlagen können, was sie gerade interessiert, unter anderem zu fol-
genden Themen:

  • Zur derzeitigen Situation des Tango
  • Der große Milonga-Test
  • Argentinophilie ist heilbar
  • Wir lernen Tango
  • Der Tango als Partnermarkt
  • Tango-Technik (mit vielen praktischen Anregungen)
  • Tipps für eine eigene Musiksammlung
    (Vorstellung von zirka 200 Tangotiteln nebst CDs und Filmen)
  • Musikalisches Tanzen (mit Beispielen zum Üben)
  • Tipps zur Krisenbewältigung
  • Das Auffordern: Wenn ja, warum nicht?
  • Tango im Internet: von Lesern und Bloggern
  • Erfundene Traditionen: das Marketing-Konzept der „traditionellen Milonga"

Vielleicht kommen auch Sie durch ein Buch, das in seiner Art auf dem deutschen Markt konkurrenzlos ist, zu der Einsicht, dass sich Loriots Satz
über den Mops auch auf unseren Tanz beziehen lässt:
„Ein Leben ohne Tango ist möglich, aber sinnlos.“

Nun aber endlich zu den Leseproben…